Fünf Jahre für meine Ausbildung gebraucht. Wieso?

Wenn ich darüber nach denke wie lange mein Weg zur einer abgeschlossenen Ausbildung war, ist mein erster Gedanke: Wow. Darauf hast du jetzt fünf Jahre gebraucht. Fünf Jahre?! – Ja ihr habt richtig gehört. Eine lange Zeit. In der Regel dauert eine Ausbildung doch drei Jahre, also wieso fünf?

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Zuerst: Bevor ich meine Ausbildung beginnen konnte, machte ich meinen Abschluss an der Hauptschule. Da ich nur den Abgang der A Klasse, also ohne Qualifikation für Fachabitur hatte, wollte ich meinen Realschulabschluss nachmachen. Hier fiel die Wahl auf ein Berufskolleg und einem Realschulabschluss mit der Fachrichtung Gesundheitswesen. Der Witz an der Sache ist, dass ich immer Kranker wurde und diese Schule mich allen erstes dazu „zwang“ die Schule abzubrechen. (Ich betone an der Stelle: ich war krank! Und meine Schule war spezialisiert auf Gesundheit!) Anstatt gemeinsam eine Lösung finden zu wollen, rief mich allen Ernstes eine Lehrerin im Krankenhaus an. Nicht auf meinem Handy – sondern auf der Station. Ein Tag vor meiner OP! Ihr Wortlaut? „Frau Frietsch, wir haben alle gemeinsam gesprochen und ich muss Ihnen sagen, dass wir Sie bitten sich von der Schule abzumelden, ansonsten sorgen wir dafür, dass Sie von der Schule fliegen!“ Diesen Satz kann ich mir deshalb so gut merken, weil er mir den Boden unter den Füßen wegriss. Nicht nur, dass ich eh schon so geschwächt von meiner Erkrankung war, stand ich zum ersten Mal da und wusste nicht wie mein Leben weitergehen soll. Ein Glück war meine Mama vor Ort. Genauso schockiert wie ich, macht sie mir jedoch Mut und sagte: „Da melden wir dich sofort ab! Und dann konzentrierst du dich erst einmal auf dich-Wir kriegen das hin!“ – Doch was will ich jetzt? Was soll ich tun? Komme ich mit dem Hauptschulabschluss überhaupt weiter? Mich auf mich konzentrieren? Ich konzentriere mich doch schon genug auf mich währen ich hier im Krankenhaus rum liege. Ich fuhr also erstmal in Kur, machte ein Praktikum beim Frisör und dann nahm das Schicksal seinen Lauf.

 

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Judith machte schon seit einem Jahr eine Ausbildung zu Medien Gestalterin und ich hatte mich vorher nie großartig mit dem Beruf auseinandergesetzt, doch dank Judith erhielt ich in ihrer Ausbildungsstätte ein Praktikum mit Aussicht auf eine Ausbildung! – Mein bestes Argument mich einzustellen: Ich bin behindert, ich koste nichts! * Ich schien Potential zu haben und schlug mich im Praktikum ganz gut. Da war sie endlich. Eine neue Perspektive. Ein neuer Job. Neue Erfahrung. Doch wisst ihr was? So schön alles anfangs war, kam auch hier ein gigantischer Tritt in den Arsch. Ich war einfach zu oft im Krankenhaus und mich erwartete das halbjährige Gespräche bei meinem Reha Berater der Agentur für Arbeit. Zwei Jahre war ich nun schon in der Ausbildung. Als er fragte, wie ich mir denn die Zukunft vorstelle aufgrund meiner Fehlzeiten, antwortete ich selbstsicher: „Wir haben im Unternehmen darüber gesprochen und gemeinsam entschlossen das zweite Lehrjahr zu wiederholen!“ – kurze Stille im Raum. „Es tut mir leid Ihnen das sagen zu müssen Frau Frietsch, aber Frau X möchte das Ausbildungsverhältnis mit Ihnen beenden!“ – ich musste schlucken. Das kam unerwartet. Niemand hatte damit gerechnet. Ich wurde nicht einmal vorgewarnt. Ich war wütend und traurig und habe diese absolut enttäuschende und vor allem Feige Aktion meiner damaligen Chefin einfach nicht verstanden. „Hier sind Ihre Unterlagen, in fünf Tagen ist das Ausbildungsverhältnis beendet, gehen Sie am besten schon mal rüber ins Jobcenter und melden sich arbeitslos und beantragen Hartz4!“ Und jetzt? Wie sollte ich das verkraften? Ich hatte einen Halt, einen Sinn und ganz plötzlich ohne Vorwarnung stand ich da und lag schon wieder auf dem Boden. Die schlimmste Zeit meines Lebens begann. Ich missbrauchte Tilidin, meine Beziehung ging zu Grunde, ich wurde depressiv! Ich hasste mich und mein Leben und wenn ich in den Spiegel sah, erkannte ich mich selbst nicht wieder. Zeit was zu verändern. Zeit raus zu kommen. Zeit für die Psychiatrie. Ich brauche schon wieder mal „Zeit für mich!“ – Doch sie war wichtig. – Beängstigend, aber wirklich wichtig. Ich meine wäre diese scheiß Zeit nicht gewesen, dann wäre ich jetzt nicht hier! Ich bin aufgestanden, habe meine Probleme erkannt und mich zurück gekämpft. – und heute bin ich beängstigend glücklich.

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Judith und ich trennten uns räumlich und ich zog nach Münster. Ich wollte all die Vergangenheit zurücklassen und einen Schlussstrich ziehen. Ich besorgte mir ein Praktikum in einer wirklich coolen Firma in Münster und obwohl ich nicht Unmengen an Geld bekam, erfüllte es mich wieder einen Alltag zu haben. Doch dann gab es da die neue alte Liebe und ich stellte mein Schicksal auf die Probe. Bei genau einer Agentur in Bonn bewarb ich mich und ich schwor mir, sollte ich den Ausbildungsplatz bekommen, geht es zurück nach Bonn! – Und das ging schneller als gedacht. Beim Bewerbungsgespräch bekam ich schon die Zusage und jetzt waren es nur noch drei Monate Zeit den Umzug zu planen. – Es ging wieder Bergauf.

 

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Und jetzt? Jetzt sitze ich hier und habe offiziell meine Ausbildung zur Mediengestalterin in Fachrichtung Konzeption & Visualisierung abgeschlossen. Und ja die Abschlussphase, das lernen, die Bewerbungen, all das war eine reine Achterbahnfahrt. Ich habe geflucht, geweint, Selbstzweifel bekommen und vor allem hatte ich Angst. Angst keinen Job zu finden und Angst zu versagen. Ich wollte nicht die Beste sein, ich wollte einfach nur bestehen. Und soll ich euch was sagen? Im Rückblick auf meine Entwicklung bin ich verdammt stolz auf mich. Ich habe mich jedes Mal gefunden und bin trotzt der Rückschläge aufgestanden. Mittlerweile denke ich, dass alles seinen Sinn hat und das, wenn etwas Negatives im Leben passiert und man zurückgeworfen wird, es ein Neuanfang werden kann. Denn, es kommt nicht darauf an was du hast, sondern was du aus dem machst was du hast! – Liegen bleiben ist keine Option.

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Ich habe einen neuen Job, ich ziehe bald mit Patrick zusammen und diese neuen Anfänge bereiten mir auch schon wieder eine verdammte Angst. Aber so ist das Leben und es wird immer so bleiben 🙂

Bis bald, eure Saskia ❤

 * Als behinderter Mensch steht die eine geförderte Ausbildung der Agentur für Arbeit zu. Hier gibt es zwei Möglichkeiten.

Option 1: Du kommst in ein Programm, wo deine Ausbildung vollständig finanziert wird. Bedeutet, dein Ausbildungsträger ist nicht dein Betrieb sondern die Agentur für Arbeit oder andere Förder-Vereine und dein Betrieb dient als Kooperationspartner. Du erhältst von beginn an das Gehalt aus dem dritten Lehrjahr und bekommst Zuschüsse für Fahrtkosten und Essensgeld. Außerdem bekommst du quasi alle ein bis zwei Wochen einmal Nachhilfe – Nachteil, oftmals sind hier nur bestimmte Ausbildungsberufe vorgegeben und es gibt nur begrenzt Plätze in dieser Fördermaßnahme. Dies ist jedoch von Stadt zu Stadt etwas unterschiedlich geregelt.

Option 2: Du machst deine Ausbildung regulär über den Betrieb und deine Ausbildungsstätte erhält monatlich 60% deines Ausbildungsgehaltes. Bedeutet, dein Betrieb zahlt dir so gesehen nur 40% deines Gehaltes. Auch hier hast du Anspruch auf Nachhilfe der Agentur für Arbeit. Dies müsste zusätzlich beantragt werden.

Wie bekomme ich so eine Ausbildung? – Du brauchst einen Behinderten-Ausweis und meldest dich bei der Agentur für Arbeit und bittest um einen Termin bei der Reha-Beratung für eine geförderte Ausbildung. Alles weitere wird dann mit dir Schritt für Schritt besprochen.

 Hier könnt ihr etwas über meine Erfahrung in der Psychiatrie lesen.

Hier habe ich etwas über meinen Missbrauch von Tilidin geschrieben

 

 

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2 Gedanken zu “Fünf Jahre für meine Ausbildung gebraucht. Wieso?

  1. Liebe Saskia
    Ich habe mich in diesem Post total wiedererkannt. Seit ich mein Studium begonnen habe, war ich ständig im Krankenhaus und hatte ca. 15 Operationen. Im Gegensatz zu dir habe ich das grosse Glück, dass meine Fachhochschule (ebenfalls Fachbereich Gesundheit) mich in dieser gesamten Zeit grossartig unterstützt hat. Als ich deinen Text gelesen habe, wurde mir wieder einmal bewusst, wie wenig selbstverständlich das ist.
    Aufgrund einer erneuten Operation wird sich mein Abschluss nun weitere fünf Monate nach hinten verschieben. Doch wenn ich es irgendwann geschafft und das Studium hinter mir habe, werde ich hoffentlich genauso stolz sein wie du.
    Ich wünsche dir, dass diese neuen Anfänge einen entspanntere und sorgloseren Lebensabschnitt für dich einläuten.
    Liebe Grüsse

    Moni

  2. Liebe Saskia,
    herzlichen Glückwunsch zu deiner bestandenen Prüfung und alles Gute und ganz viel Glück für deine Zukunft. Du bist eine wirklich taffe Persönlichkeit und kannst sehr stolz auf dich sein. Was du in deinem jungen Leben schon mitgemacht hast, durchleben die meisten in ihrem ganzen Leben nicht und trotzdem hast du dich nicht unterkriegen lassen!!
    Zusätzlich unterstützt du andere noch mit Rat und Tat. Respekt kann ich da nur sagen😊👍👍.
    Liebe Grüße Ute

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